Immer wieder nur Einzelfälle? Wenn Unsagbares plötzlich wieder sagbar scheint.

Pressemitteilung der Initiative SOS Rassimus Barnim vom 16.08.2019

Es ist schwer auszuhalten aber Beleidigungen wie: „Du Merkelschmarotzer! N…-hure! Euch sollte man alle vergasen!“ sind keine Sätze, die anonym im Internet stehen, nein, sie fallen öffentlich im Bus, auf der Straße oder im Supermarkt. Alltagsrassismus scheint für viele Menschen im Landkreis Barnim ein Gespenst aus den 90ern zu sein, das in großen Teilen besiegt wurde. Doch die Erfahrungsberichte von Betroffenen, die verbal oder handgreiflich Rassismus erleiden, nehmen wieder zu. Ein trauriger Höhepunkt ist der versuchte Mord an einer Studentin der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde, der auch ein Jahr danach kaum bekannt und nicht aufgeklärt ist.
 
Die ZDF Sendung „Volle Kanne, Service täglich“ berichtet am Dienstag, 20.08. um 9.05 Uhr über Vorfälle im Barnim, auch über den Mordversuch. Im Anschluss an den 5-minütigen Film ist  Dr. Beate Küpper zu Gast und spricht darüber, wie sich die Lage in ganz Deutschland verschärft und wie wir uns verhalten können, wenn wir selbst Zeuge von hasserfüllten Übergriffen werden. 

Die ZDF Sendung stellt auch die Initiative SOS Rassismus Barnim vor, die seit Jahren eine Chronik über die Vorfälle erstellt und für Betroffene eine Anlaufstelle darstellt. Eines wird dabei deutlich: Von Einzelfällen kann längst nicht mehr die Rede sein, sondern von einer deutlichen Radikalisierung bis in die Mitte der Gesellschaft, von abwertenden Wiederholungen und Denkmustern, die sich dann real und hemmungslos auswirken. Internationale Studierende, die für Eberswalde und die Hochschule sehr wichtig sind, ziehen wieder weg, da sie sich schlichtweg nicht sicher fühlen.

Berichte über rassistische Ereignisse und deren Auswirkungen auf Betroffene werden immer wieder von zuständigen Stellen und Verantwortlichen angezweifelt, abgewiegelt und relativiert: „Vielleicht war es gar nicht so. Oder nicht so gemeint“, „Vielleicht selber schuld“, als Taten von Nazis, Betrunkenen oder „Dummen“, als Ausrutscher oder als ein Naturereignis – so unvermeidlich wie Regen, der halt überall fällt. Und in … sei es doch viel schlimmer (z. B. in Sachsen, in Rumänien, in der Uckermark), und früher (als sie Amadeu Antonio hetzten und erschlugen) war es noch viel, viel schlimmer. Im Vergleich dazu sollten wir heute froh und dankbar sein!

Wir dürfen uns nicht gewöhnen an Hass und Hetze, an Halbwahrheiten und ganze Lügen, an Ausgrenzung und Gewalt und die Rechtfertigungsversuche dafür. Wenn uns ein friedliches, demokratisches und buntes Zusammenleben wichtig ist, müssen wir aufmerksam bleiben und der Unmenschlichkeit aktiv widersprechen, ebenso dem Schweigen, Abwiegeln und Relativieren bei rassistischen Vorkommnissen.

Der Beitrag „Volle Kanne“ vom 20. August kann auch später angeschaut werden: Bei zdf.de unter dem Menüpunkt „Sendung verpasst“.